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Das Ding in mir

Es ist in mir, schon so lange ich mich zurückerinnern kann... Es ist mein treuer Begleiter, die ganze Zeit über... Es ist ein Teil von mir...

Ein falsches Wort, ein dummer Spruch, ein Spitzname oder ein typisches Gruppenverhalten mir gegenüber, das sind kleine Kratzer die in der Lage waren dem Käfig, den mein Inneres darstellte, so massiv zu beschädigen, dass er nicht mehr schließen konnte – das Szenario nahm seinen schier unaufhaltsamen Lauf: Ich scheute keinerlei Art von Konfrontation, ich war zu jeder Prügelei bereit, ich warf Stühle quer durch den Raum, ich ging mit Gegenständen auf andere los – kurz: Ich verfügte über Wut, Zorn und Aggression, wie es für einen so kleinen Jungen eigentlich nicht möglich sein sollte...

Vor einigen Jahren war mein Alltag noch von Gewalt geprägt, verbal, physisch, seelisch. Doch wen vermag das schon wirklich zu wundern? Schon im Kindergarten hatte ich ein erhöhtes Aggressionspotenzial, schon da ging ich auf andere los und prügelte einfach auf sie ein. Dann kam der August 1995. Ich ging zur Schule wo heute die Polizei Patrouille fährt. Ich bemühte mich im Unterricht, meine Freunde waren nicht „cool“, meine Grenze zwischen „normalem Verhalten“ und Austicken war nichts weiter als ein schmaler Streifen im Sand: leicht zu verwischen, zu einfach zu übertreten, eine kleine Gleichgewichtsstörung reichte schon vollkommen aus. Die Konsequenz war klar und unausweichlich: Ich geriet in die Rolle des Außenseiters. Tagtäglich wurde ich beleidigt, ausgeschlossen, in Schlägereien verwickelt, mir wurde aufgelauert, mit einem Begriff: fertig gemacht. Und das von einem Haufen mieser Feiglinge!!! Unintegrierbare, die auch in Lehrkräften weder Hindernis noch Problem sahen. Selbst sie wurden beleidigt und bedroht. Offensichtlich hatten manche der Lehrer nicht die nötige Kompetenz um damit umzugehen, sie ließen sich einschüchtern. Diese Exemplare der Lehrerschaft hatten aber dennoch eine Möglichkeit gefunden sich von diesem Frust zu befreien: es gab ja mich! Der Schwache, der Außenseiter, ohne Unterstützung durch Mitschüler. Folglich schlossen sich diese Lehrbeauftragten der Masse an und und beleidigten mich, verleumdeten mich – ist es nicht angenehm einfach mit dem Mainstream mitzuschwimmen? Beispiele dafür sind Situationen die ich nie vergessen werde. „Der da hat die Hand gegen mich erhoben“, „wegen dem da bekomm' ich noch einen Herzinfarkt“, eine Lehrkraft machte mich sogar mal darauf aufmerksam, dass ich doch eigentlich „in die Gummizelle“ gehöre, ich wäre „auf einer Sonderschule doch viel besser aufgehoben“. Zu sechst gingen Mitschüler auf mich los, allesamt älter, größer, stärker. Die offizielle Version der Lehrer? Natürlich hatte ich die Prügelei begonnen! An einem anderen Tag kamen drei Schüler auf mich zu. Einer nahm meinen rechten Arm, riss ihn hoch und fixierte ihn, der zweite tat das gleiche links, der dritte stand vor mir und schlug auf mich ein, trat mich zusammen. Meinung der Lehrer: „du bist doch selbst daran Schuld!“ - Unterstützung durch Freunde? Fehlanzeige! Meine „Freunde“ verpissten sich immer rechtzeitig.

Es ist also nicht verwunderlich, dass ich meinen „Höhepunkt“ schon ziemlich früh erreichte: Es ist der Neujahrsmorgen '96. Ich bekam von meine Mutter die Aufgabe das Kinderzimmer aufzuräumen. Und da ich ja schon dabei sei, sollte ich den Mist meiner Schwester gleich mit aufräumen. Ich hasste es aufräumen zu müssen! Und ich hasste es noch mehr für meine Nervensäge von Schwester aufräumen zu müssen! Ich ging also in mein Zimmer und schlug mit aller Kraft die Tür zu – nur war es nicht die Tür, die ich erwischte. Mit flacher Hand durchschlug ich die Glasscheibe darin, 3mm stark mit Drahtgeflecht. Die Scheibe zerbarst und schlitzte meine Hand auf. Die scharfen Kanten schnitten in meine Haut, durchtrennten Muskulatur, Blutgefäße, Sehnen und Nerven. Lediglich die Knochen vermochten den Weg der gläsernen Messer zu beenden. Der Rest der Scheibe flog in Form von transparenten Geschossen um mich herum. Nur wenige Zentimeter verhinderten, dass mir einer dieser scharfkantigen Pfeile ein Auge nehmen konnte. Den Treffer sehe ich jeden Tag im Spiegel. So kam ich dann also in die Ambulanz, angemeldet als Notfall-OP, und wartete auf den Handchirurgen, während Minute um Minute immer mehr Blut meinen kleinen Körper verließ. Mir stand eine fünfstündige Operation bevor – ohne Narkotika, ohne Schmerzmittel. Die durfte ich auch nicht mehr bekommen, der Blutverlusst machte es zu gefährlich. Laut ärztlicher Schätzung zirkulierten in meinem Kreislauf 0,5-1 Liter weniger – eine mehr als bedrohliche Menge für einen so kleinen Organismus... 

Es stand fest: ich brauchte definitiv professionelle Hilfe. So begann ich also eine Therapie – und ich war froh darum. Auf einmal hatte ich jemanden der mich zu verstehen schien, jemand der versuchte mir zu helfen und immer ein neutrales Ohr für mich hatte, und schlussendlich sogar eine Klassenlehrerin, der ich unendlich dankbar bin, weil auch sie an mich glaubte und mich unterstützte. Der Psychologe hatte mich auch untersucht um herauszufinden wie er mir am besten helfen könnte. Im laufe dieser Untersuchung bestimmte er auch meine Intelligenz: Wer hätte gedacht, dass der kleine 8jährige, der ja eigentlich in eine Gummizelle oder zumindest auf eine Sonderschule gehörte, einen IQ von 120 vorzuweisen hatte? Ich war stolz darauf und froh darüber, endlich einmal bestätigt worden zu sein. Doch genutzt hat es mir ersteinmal nichts, mir stand noch einige Zeit bevor bis ich zur 5. Klasse auf eine andere Schule wechseln konnte – auf dieser neuen Schule, an der mich niemand kannte, wollte ich neu anfangen, einen Resetknopf drücken. Hier war es nicht so extrem und auch die Frequenz war eine geringere, doch das Spiel begann von Neuem...

Die Psychologie nennt es Jähzorn, ich nenne es einen steten Kampf gegen mich selbst und dem Ding in mir. Heute sieht es anders aus, doch noch immer benötige ich den Käfig in meinem Inneren, der dieses Ding, das immer wieder versucht die Oberhand zu gewinnen, versiegelt. Heute sind die Gitterstäbe massiver, dicker und stabiler. Es gibt im Vergleich zu früher nur noch einen Bruchteil an Möglichkeiten, die in der Lage sind meinen Käfig aufzubrechen. Heute trägt die Therapie und die jahrelange Arbeit an meiner Selbstkontrolle ihre Früchte. Es gibt sogar einen Vorteil. Durch diese Erfahrungen kann ich mittlerweile sehr viel ertragen, ich kann (in vielen Situationen) eine schon fast unerschöpfliche Geduld nutzen, ich kann vieles Verstehen was in anderen vorgeht. 

Aber manchmal gibt es da noch diese anderen Situationen. Solange die Wut noch klein ist, kann ich Dampf ablassen, ohne dass Sachen oder Personen zu Schaden kommen – auch wenn mein Umfeld meiner Reaktion dann oft mit Missgunst begegnet. In noch selteneren Momenten habe ich diese Möglichkeit aber nicht. Dann kann die Wut wachsen, sich zu Zorn entwickeln. Das Ding in mir wird lauter, der Käfig verliert an Stabilität, das Siegel droht zu brechen. In diesem Moment bricht der Wettkampf aus. Wer wird gewinnen? Das Ding? Oder ich? In dieser Sekunde bin ich auf mich allein gestellt, bis jetzt gab es niemanden, der mir Beistand leisten konnte oder wollte. Es gibt in diesem Augenblick nur zwei Möglichkeiten: entweder ich behalte die Kontrolle über mich, meinen Käfig und dem Ding, oder das Ergebnis ist Zerstörung, so wie schon einmal, als ich meine Hand zerfetzte und beinahe ein Auge verlor... Es ist schwer, sehr schwer, aber ich kann mit Stolz behaupten seit Jahren nicht mehr verloren zu haben. Aber dennoch: Diese Augenblicke machen mir Angst, höllische Angst, jedes mal auf's Neue...

 

17.12.10 03:29

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